AUSTRIAN GIANTS
- THE ANNOYED und RADIKALKUR unterwegs in Österreich -

28,5 % der österreichischen Wähler hatten jüngst ihr Kreuzchen bei der rechtsextremen Partei FPÖ gemacht. Jörg Haider, seines Zeichens Vorsitzender der "Freiheitlichen", stieg im Land Kärnten zum Landeshauptmann (vergleichbar mit einem Ministerpräsidenten in Deutschland) auf. Den Nazis geht es also gut in Österreich. Punkrock hingegen ist weniger populär. Eine der ganz wenigen Punkbands Österreichs, RADIKALKUR boten uns vor wenigen Monaten an, ein paar Gigs für uns zu organisieren. Wir sagten zu und so starteten wir am Donnerstag morgen um 4 Uhr früh im "neuen" Bandbus. Überraschenderweise kommen wir problemlos innerhalb der kurzen Zeit von nur sieben Stunden in Graz an.

Donnerstag, 25.11.99, Graz (Traminer Weinstube)

Dank der frühen Ankunft besichtigten wir die Stadt, suchten den Konzertort und hingen halt so rum. Bemerkenswerterweise sehen die Bürger dort wirklich so beschissen vertrottelt aus, wie man sich das so vorstellt. Nichts deutet am Veranstaltungsort und drumherum auf einen Punkgig hin; keine Punks, Plakate oder Bullen. Vielmehr ein gediegenes Lokal mit studentischem Publikum. Wir fragen vorsichtig, ob wir denn hier an der richtigen Adresse wären und wurden nach kurz angebundenem "Ja" eine schmale Kellertreppe in einen kleinen Gewölbekeller hinuntergeführt. Nachdem wir unser Equipment in den konspirativ anmutenden Raum geschleppt hatten tauchten irgendwann auch Veranstalter und die anderen beiden Bands auf. Gegen 22 Uhr legte die erste Band C.O.D. los und gaben netten NOFX-Clone-Musik zum besten. Wirklich interessant war eigentlich nur, daß anscheinend bei allen Mitgliedern (außer der Schlagzeugerin) Bartpflicht bestand. Die Kollegen von RADIKALKUR hingegen brachten ein gelungenes Set kraftvollen Punkrocks auf die Bretter. Danach THE ANNOYED und die Stimmung im Publikum trotz der wenigen zahlenden Gäste durchweg gut. Nachdem der Kram verstaut ist gehts zu Veranstalter Romeo saufen und pennen.

Freitag, 26.11.99, Linz (JUZ Ann & Pat)

Nach dem Frühstück und 4 Std Fahrt erreichen wir Linz. Das städt. JUZ ist um Längen komfortabler als die Traminer Weinstube: es herrscht eine angenehme Raumtemperatur, Sofas, Bühne etc. Einziger Wehmutstropfen ist, daß die Veranstalter mit Alkoholica sehr rumknausern, was die Tourkasse aber glücklicherweise abfangen kann. RADIKALKUR starten um kurz nach neun, den ca. 60 Anwesenden läufts gut rein, Punker fliegen durch den Raum, lecken den Schmutz vom Boden und schlagen sich die Schädel an der Bühne blutig. ANNOYED gut gelaunt und ohne Rücksicht auf das spärliche Publikum. Crewmitglied Andre erliegt dem Charme einer jungen Österreicherin, welche ihm eine schlaflose Nacht prophezeit, käme er mit zu ihr und so wird er großzügigerweise von seinen Pflichten befreit. Auf der S-Bahnfahrt zur Dame pöbeln 5 Nazispacken rum, werden aber durch Andres imposanten Körperbau in die Flucht geschlagen. Im JUZ marschieren inzwischen zahlreiche Bullen ein und verhaften 2 vollgesoffene Punks. Was erst nach Randaleaktion aussah, entpuppte sich im Nachhinein als recht interessante Geschichte: die Punks hatten einem Faschisten ein Messer in die Lunge gestochen und haben sich danach im JUZ verbarrikadiert. The only good fascist is a dead one. Dann noch īne Klopperei vor dem Laden. Auf der Fahrt zum Pennplatz folgen uns die Bullen und ziehen uns nach kurzer Zeit raus. Papiere, Warndreieck, Verbandskasten - der übliche Dreck. Als die Bullen Florentins Iro sehen, wird der gezwungen auf die Wache zu folgen um einen Alkoholtest durchzuführen ("mir hoam koans dabei"). Nach 1 stündiger überaus lästiger Prozedur und dem -für die Bullen höchst unbefriedigendem- Ergebnis von 0,0% gehts in die Kapu zum pennen.

Samstag,26.11.99, Waidhofen/Ybbs (JZ Bagger)

Das kleine Städtchen Waidhofen, malerisch in einer Talsenke gelegen, sollte die Bühne für unseren nächsten Auftritt bieten. Der R-KUR Gitarrero und E.M.S.-Sänger Alfred ist hier aufgewachsen und wir werden aufs herzlichste in dessen Elternhaus empfangen (einer waschechten Almhütte). Oma Wilhalm hat lecker Essen zubereitet und es fehlt uns an nichts. Das Publikum ist höchst Punkuntypisch, d.h. die gesamte Dorfjugend ist anwesend weil halt endlich mal was los ist. Logischerweise ist der Laden brechend voll und so machen RADIKALKUR den Anfang vor ca. 350 Leuten. Das ganze artet in einem Gesangswettbewerb aus, da Sänger Gernot seine Stimme wohl in Linz gelassen hatte. Danach spielte eine Combo namens MONOLITH aus Wien: 4 schlaksige Langhaarige kreischen wild rum und schütteln die Zotteln. Der Sänger wälzt sich im Bier- und Speichelsiff auf und vor der Bühne, der Saal beginnt sich zu leeren. Kurios und äußerst erheiternd. Dann ANNOYED mit einem spieltechnisch miesen Set, was dem Publikum aber offensichtlich nicht aufgefallen ist.. Nach dem Gig gehts wieder zur Alm, wo im E.M.S.-Proberaum mehrere Buddeln Spirituosen dran glauben müssen. Eine Assel kotzt Alfreds Zimmer voll + gute Nacht.

Sonntag, 27.11.99, Wien (E.K.H.)

Beim Öffnen der Bustür geht selbige an Arsch. Doof. Ankunft in Wien gegen 17.30 Uhr. Wir halten erstmal am Sacro (Label und Plattenladen), wo Marco uns nötigt für mindestens 1000 ÖS Lpīs einzukaufen. Das E.K.H. ist wohl eines der bekanntesten Häuser in Wien, riesengroß und Unterkunft vieler politischer Gruppen. Aufbauen, essen, ATTF lesen. RADIKALKUR machen den Anfang, Sänger Gernot wieder mit Stimme, was sehr gut kommt. Dann E.M.S. mit absolut geilen Punk/HC in deutscher Sprache. Als krönender Abschluß wieder ANNOYED. Danach schießen wir noch ein paar Gruppenfotos mit allen an der Tour beteilligten. Sacro und Bloodshed 666 nehmen noch ein bißchen Annoyed-Kram in ihr Sortiment auf. Nach dem Verladen feiern wir noch gemeinsam, verabschieden uns und sind wieder on the road nach Bayern. Nach strapaziöser Rückfahrt laufen wir am nächsten Tag gegen 13 Uhr in unserer Heimatstadt ein. Wir haben unser Ziel verfehlt: Haider lebt und Österreich steht noch. Wir kommen wieder. Ola.


 
  ANNOYED: Stammi, Marco, Florentin, Björn    Crew: Andre, Föller
RADIKALKUR: Gernot, Martin, Alfred    Crew: Marco (Sacro), Asti

Cheers an: Romeo, Helga, Oma Wilhalm, Susi, E.M.S.

"Wir Österreicher haben euch Deutschen eines vorraus- wir sind weniger"

"Die Punker, des sanīs doch alles Alchemisten."


 
 
 
 
07/10/00